Raymond Chandlers Los Angeles
In der Ausgabe Dezember '09 von Mahagoni, dem neuen Magazin für
Lebensart, Stil und Kultur ist ein Essay zu Raymond Chandlers Los Angeles erschienen. Chandler wurde in Chicago geboren, verlebte seine Jugend in England und kehrte dann als junger Erwachsener in die Vereinigten Staaten zurück, wo er sich in Los Angeles niederließ. In sieben Romanen setzte er seiner Romanfigur Philip Marlowe ein bleibendes Denkmal und schuf einen Typus: Den des zynischen, doch warmherzigen Privatdetektiven, der dem oft reichlich wüsten Treiben der Großstadt distanziert, doch nicht teilnahmslos gegenübersteht. Ob in Downtown mit seinen heruntergekommenen Hotels, in Beverly Hills mit seinen Stars und Sternchen oder in Hollywood, das sich für das Zentrum der Welt hält - überall beherrscht die Gier die Bewohner der Stadt, die vom Schicksal nie zu gebeutelt sind, um nicht doch noch einmal nach dem ganz großen Los zu greifen. Chandler findet für diese moralische Dunkelheit ein treffendes Bild - das der nächtlichen Großstadt, die finster in mehr als einer Hinsicht ist.
Sein vernichtendes Urteil über Los Angeles, das dafür sorgte, dass die Stadt sich lange Zeit mit seiner Ehrung sehr schwer tat, ist daher eigentlich überhaupt nicht auf Los Angeles selbst gemünzt, sondern gibt nur eine treffende Beschreibung letztlich jeder Großstadt ab - und jedes Menschen: Dass nämlich jeder die Wahl hat, sich zwischen Gier und einem Leben zu entscheiden, das die Prioritäten richtig setzt. Philip Marlow, der kaltschnäuzige Zyniker, bezieht kaum je Position, doch zwischen riesenhaften Schlägertypen und engelsgleichen Filmschönheiten will er vor allem eins sein: Ein Mensch.
Der Grund, weshalb Raymond Chandler in einem Magazin für
Lebensart wie Mahagoni gleich in der ersten Ausgabe zu Ehren kommt, liegt auf der Hand: Die Figur Philip Marlowe beeinflusste bis weit in die 60er Jahre Stil und Erscheinungsbild des Großstadtmenschen und noch heute wünscht sich so mancher die gut angezogenen Menschen der Chandler-Zeit zurück, wie finster es in deren Herzen auch aussehen mag.
Artikel wurde von Valerij Bauer am 23.12.2009 eingereicht.