Die Welt feiert 2010 das Tolstoi-Jahr

 

Die Welt feiert 2010 das Tolstoi-Jahr

Es konnten nur echte Filmgöttinnen sein, die den tiefgründigen Frauenfiguren der Romane von Leo Tolstoi zweidimensionales Leinwandleben einhauchten. Die unvergleichlich schöne Audrey Hepburn spielte in dem aufwändigen, aber künstlerisch nur bedingt anspruchsvollen Kostümfilm Krieg und Frieden (1956) die weibliche Hauptrolle der Natascha Rostova. Gleich mehrere große Schauspielerinnen füllten die Rolle der Anna Karenina mit Leben: Greta Garbo (1935), Vivien Leigh (1948), Jacqueline Bisset (1985) und Sophie Marceau (1997). Aber während viele Menschen bestimmte große Romane nur noch als deren Verfilmungen kennen, wie etwa Heinrich Manns Untertan in der kongenialen Verfilmung von Wolfgang Staudte (1951) oder Quo vadis? von Henryk Sienkiewicz in der Monumentalverfilmung mit Robert Taylor und Peter Ustinov (ebenfalls 1951), sind im Falle von Leo Tolstoi die Menschen dem Originaltext treu geblieben. Leo Tolstoi bewegte sich stets auf der Höhe der Erzähltechniken seiner Zeit und suchte die narrativen Ausdrucksmöglichkeiten bis in den letzten Winkel auszureizen.

Es ist diese ästhetische Wucht und inhaltliche Dichte der Texte von Leo Tolstoi, die sie unsterblich und mit keinerlei filmischen Mitteln adäquat fassbar machen.

Im Jahre 2010 wird anlässlich des 100. Todestags weltweit an Leo Tolstoi gedacht. Russland, das Leo Tolstoi, eigentlich Lew Nikolajewitsch Tolstoj, als Nationaldichter ansieht, begeht das Tolstoi-Jahr wie ein religiöses Fest. Die Russen lieben ihre großen Dichter weit mehr als andere Völker die ihrigen. Aber nicht nur Russland feiert den großen Leo Tolstoi: Auf der ganzen Welt finden zahllose Lesungen und Veranstaltungen statt. Geehrt wird einer der intensivsten und weitschweifigsten Romanciers der Weltliteratur. Nehmen Sie doch das Tolstoi-Jahr zum Anlass, endlich einmal einen Text von Tolstoi zu lesen. Meist hat man ja ohnehin einen dickleibigen Roman von Tolstoi bei sich im Bücherschrank stehen, sich aber letztlich nicht daran getraut. Überschreiten Sie diese Hemmschwelle: sie werden dafür reich belohnt werden.

Artikel wurde von Dr. phil. Ferdinand Richter am 09.06.2009 eingereicht.

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