Ein „in sich gekehrter“ Zwilling

 

Ein „in sich gekehrter“ Zwilling

Wolli & NeumiSo oder so ähnlich muss sich Jacques im Moment wohl fühlen, denn er steht völlig neben sich. Er kann noch immer nicht begreifen, was da gerade passiert ist. Nur soviel, er hat vor wenigen Stunden seinen Job verloren. Wie benebelt steht er nun mit all seinem Elend auf dem „Gare du Nord“, dem Bahnhof für Fernreisende im Norden von Paris, und wartet auf seinen Zug. Dieser soll ihn nach Hause bringen. Nach Hause, welch wärmenden Worte, in einem so eiskalten Augenblick, des Bodenlosen.

Wer jetzt glaubt, die Bezeichnung ein „in sich gekehrter“ Zwilling ziele auf das Sternzeichen des 42-jährigen aus Marseille ab, liegt falsch. Nein Jacques ist ein Fisch. Aber, wie Millionen von Menschen, steht er jetzt neben sich, d.h. der Schluss hieraus, es sein 2 identische Personen anwesend, obwohl physisch nur die eine, ist durchaus zulässig und damit auch ein gewisses Bild, eine gewisse Umschreibung.

Noch Anfang des Jahres sah es gar nicht so schlecht aus. Hatte doch die Firma in der Jacques beschäftigt war, ja wir müssen an dieser Stelle leider WAR sagen, eine schier niemals enden wollende Serie an Aufträgen.

Niemand fragte jedoch, wo diese wohl herkamen und ob die, so oft herauf beschworene, Finanzmarktkrise Halt machen würde vor „seiner“ Firma, einem mittelständischen Autozulieferer. Mit Jacques musste eine Vielzahl weiterer Mitarbeiter gehen, eben ein radikaler Schnitt personalpolitischer Entscheidungen. Zunächst sah es noch so aus, als ob sich die geschasste Belegschaft dazu entscheiden würde, ihr Werk zu besetzen und den Inhaber, einen Liebhaber alter britischer Autos, als Geisel, kurz „Bossnapping“, zu nehmen. Doch die Vernunft war wohl stärker, als pure Verzweifelung gefolgt von Anarchie.

All die Gedanken, die Jacques jetzt durch den Kopf gehen. Das Haus, das schwer an der Finanzierung zu tragen hat, die Kinder, die behütet in allumfassender Hingebung ihrer Privatschulen aufwachsen, seine Frau, die in Kürze beim Bezahlen an der Kasse im Supermarkt bemerken wird, „es wird eng“ und der gemeinsame Freundeskreis, der, aufgebaut in jahrelanger Pflege, sich nun beweisen muss. Wird er halten, oder auseinander brechen. Das wird die Zukunft zeigen. Doch Zukunft, welch ein Hohn in diesem Augenblick schmerzdurch-pflügter Brust, dieser Tristesse momentaner Lethargie. Sein Schwiegervater hatte immer vor dieser Ehe gewarnt, hatte Jacques einen „Clochard“, einen „Taugenichts“ genannt. Noch vor dem Traualtar, hatte er seine Tochter, übrigens die einzige, die der Mann hat, enterbt.

Doch was wird nun? Lösungen, im Moment Fehlanzeige bei unserem Jacques. Fast zwanghaft zieht ihn die Bahnsteigkante in ihren Bann, so als ob sie ihn zu einem „gütigen“ Ende einladen wolle. Doch dies kann keine Lösung sein, ist doch der Zug, auf den er wartet, noch fern, sehr fern.

Ob dieser Zug jemals abgefahren ist, mit unserem Jacques, oder letztendlich doch die Bahnsteigkante siegte, werden wir wohl, trotz all unserer Hoffnung, niemals erfahren.

Doch gehen wir an den Anfang zurück. Erzählt wird die Geschichte eines Mannes aus Marseille in Paris, etwa 877 km entfernt von Berlin und damit auch von Weißensee, somit also weit genug weg. Entfernungen haben einen fahlen Beigeschmack. Sie schmälern die Bedeutung eines Schicksals, am entgegen gesetzten Ende. Und umso mehr verliert dieses an Bedeutung, auch in Anbetracht zweier Schicksale in unserer unmittelbaren Nähe, Wolli & Neumi.
Der eine, ein ewig mit gesenktem Haupt umher irrender Beamter, definiert schon mal Arbeitszeit auf seine ganz eigentümliche Weise. Nur komisch, dass sich jeweils zu Dienstschluss die Lebensgeister in unserem Wolli regen, na ja. Der andere, ein ewig unter Drogen zu stehen scheinender Außendienstler, der glaubt alles und an jeden verkaufen zu können. Sein derzeitiges Erfolgsmodell, kreditwürdig trotz hoher Schulden und das alles flankiert durch diverse Kreditkarten. Ob diese, seine ganz persönliche Erfolgsstory, wie so oft in ähnlich gelagerten Fällen aus Amerika zu uns rüberschwappte, wir wissen es nicht. Hoffen wir jedoch für ihn, dass es nicht an dem ist.

Beide sitzen gerade in ihren Küchen und essen zu Abend, nein besser, sie essen „Abendbrot“. Ich denke mit dieser Formulierung haben wir sie spätestens jetzt ins Boot geholt. Und so übergeben wir ihnen das Geschehen und überlassen diesen doch so liebevollen Akteuren nun die Bühne. Eine kurze Randnotiz sei an dieser Stelle noch gestattet. In beiden Fällen scheint die Evolution bei der Geburt Pause gehabt zu haben, oder etwas deutlicher, es findet sich zwischen einem herkömmlichen Primaten und beiden eben keine Lücke, soll heißen, die Hellsten sind sie eben nicht. Aber das macht sie ja so liebevoll.

Gerade hat Neumi den Geschirrspüler eingeräumt, da klingelt sein Handy. Überrascht, fast erschrocken, schaut er zum Tisch, auf dem sich jenes befindet. Was mag ihm in diesem Moment wohl durch den Kopf gehen. Eine geplatzte Finanzierung, das Finanzamt, oder das aller Schlimmste, eine uralt Jugendsünde aus Schulzeiten, die ihn, wie schon so oft, wieder einmal mit einem angeblich gemeinsamen Kind unter Druck zu setzen versucht und den Vaterschaftstest einfordert. Nur zu sicher ist sich Neumi, dass es seinerzeit der Direktor seiner Schule war, von dem dieses Kind ist.

Zaghaft bewegt er sich auf sein Handy zu, wohl wissend, dass seine Frau jeden Augenblick nach Hause kommen kann. Ein Blick auf das Display und seine Gesichtszüge entkrampfen sich, es ist Wolli.

Neumi: Mensch Wolli, wie jeht ditt denn?

Wolli: juut, juut, aber ick ruf dir ja nich an, wenn es nischt jibbt
also pass mal uff, ick will morjen meen neujet Auto abholen, kannste da
mitkommen?

Neumi: wie neujet Auto?

Wolli: hab ick mir jekooft und für meen alten die Abwrackprämie jekricht und
der muss da morgen mit hin…


Neumi: wie für den alten, nich für die Alte?

Neumi, von Frauen oftmals auch als Macho und Chauvinist tituliert, lacht.

Wolli: nee, nee du, für die nich, aber mit so´ne Äußerung jehörste doch wohl
eher uff ´ne Ekelliste…

Ein kurzes lachen auf beiden Seiten unterbricht das Telefonat.

Wolli: aber mal ehrlich, kannst ma helfen oder nich?

Neumi: klar doch, bin dabei…

Wolli: ditt passt so und so janz juut, weil ick hab da noch ne andere Sache…

Neumi: watt´n noch?

Wolli: mich ham se anjesprochen, die von de Berliner Allee und paar andere
wollen wohl diesmal ditt Blumenfest machen

Neumi: ditt watt jetzt kommt?

Wolli: ja ditt watt jetzt kommt, die brauchen da wohl noch Helfer…

Neumi: wie jetzt?

Wolli: na so Leute die da mitmachen wollen, wohl ooch Firmen und so…

Neumi: Mensch, ditt hört sich ja richtig juut an, da bin ick ooch dabei…

Wolli: okay, na dann bis morjen, ick freu mir…

Neumi: ick mir ooch, also bis dann…


Beide legen auf. Und wieder einmal verband die traute Zweisamkeit Menschen, deren Charaktere nicht unterschiedlicher sein könnten. Eine Gewissheit bleibt, anders als bei Jacques werden wir das Schicksal von Wolli & Neumi weiter begleiten, weiter im Auge behalten. Auch wenn wir sie nicht zum Freund haben wollen, als Feind sind beide nicht geboren.

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