Verarbeitung und Wirkung von Gewaltdarstellungen bei Kindern und Jugendlichen
Die heutige Seminarsitzung beschäftigte sich primär mit der Gewaltdarstellung in den Medien und den daraus resultierenden Folgen. Nicht erst seit dem Amoklauf von Erfurt stehen die Medien und vor allem die PC Spiele in einem sehr kritischen Licht, was die Wirkung auf Kinder und Jugendliche betrifft.
Zum Einstieg wurden uns 5 kleine Filmausschnitte gezeigt, die wir uns, unter der Berücksichtigung einiger Fragen zur Wirkung der gezeigten Gewalt auf uns selbst, ansehen sollten. Die Ausschnitte zeigten Vandalismus, Tötung, körperliche Gewalt und weitere Formen von Gewalt.
Auf Grund der Tatsache, dass ich die ganzen Filme, aus denen Ausschnitte gezeigt wurden, kannte, betrachtetet ich die Szenen unter anderen Gesichtspunkten und fand so zum Beispiel die Szene mit Vincent Vega und Jules Winnfield, entnommen aus Pulp Fiction eigentlich sehr belustigend.
Bei der anschließenden Besprechung fand ich es sehr interessant zu beobachten wie viele unterschiedliche Auffassung es zu ein und der selben Szene gab.
Manche hatten sich erschreckt und andere fanden es, wie ich auch, eher lustig.
Auch bei den anderen Filmszenen gab es eine große Bandbreite an Meinungen und ich kam zu dem Schluss, dass wenn Erwachsene schon völlig unterschiedlich auf gezeigte Gewalt reagieren, eine Betrachtung der Wirkungen von Gewaltdarstellungen im Allgemeinen sich recht kompliziert gestallten könnte.
Bevor es aber zur allgemeinen Betrachtung kam und der Frage, ob Medien mörderisch sind und ihre Sündenbockrolle gerechtfertigt ist, nachgegangen werden konnte, war erst einmal eine theoretische Einführung nötig.
Definition von Gewalt
Im Deutschen wird für das Schlagen von Menschen und das Ausüben von hoheitlicher Macht jeweils das Wort Gewalt benutzt (körperliche Gewalt und Staatsgewalt). Dies ist durchaus missverständlich, denn schließlich unterscheiden sich die beiden Gewaltformen ja doch sehr stark. Im Englischen ist das viel praktischer gelöst, denn es wird zwischen violence und power strickt unterschieden.
Durch die Doppelbödigkeit und den verschiedene Gebrauch von Gewalt im Deutschen, erschien es mir logisch, dass es keine einheitliche Begriffsdefinition gibt und auch niemals geben wird.
Eine abgespeckte Version aus Merten 1999 lautet:
Gewalt ist als eine „zielgerichtete, direkte Schädigung von Menschen durch Menschen beziehungsweise als körperlicher Angriff auf Sachen“ zu verstehen.
Als Anhaltspunkt, fand ich diese Kurzform nicht verkehrt, auch wenn sie Mobbing, eine Form von psychischer Gewalt nicht erfasst, das es kein direkter körperlicher Angriff ist, sondern Gewalt in verbaler Form.
Differenzierung zum Wirkungsbegriff
Basierend auf der Tatsache, dass es keinen einheitlichen Gewaltbegriff gibt, wurde uns im Anschluss vermittelt, dass der Begriff Gewalt differenziert werden muss.
Nach Merten gibt es in den Medien Gewalt, die personell, physisch, illegitim, instrumentell, intentional und manifest sowohl individuell als auch kollektiv auftritt. Hier hätte ich mir zur Veranschaulichung einige Beispiele gewünscht denn diese Differenzierung von Gewalt ist schon sehr abstrakt.
Gewalt im Fernsehen…
Als Freund von Daten, Fakten und Statistiken fand ich diesen Seminarteil sehr spannend. Ich fand es sehr interessant zu erfahren, dass in 50 % aller Sendungen im TV eine Form von Gewalt vorkommt. Man hat gemessen, dass es im Schnitt fünf aggressive Akte pro Stunde zu sehen gibt, die eine durchschnittliche Länge von 22 Sekunden haben.
Wie es zu erwarten war, tritt die Gewalt gehäuft bei den privaten Sendern auf und bezieht sich auf Sendungsformate, die sich mit Kriminalität, Verbrechen, Krieg und Terrorismus beschäftigen.
Recht erstaunlich erschien mir, dass 25 % der gezeigten Gewalt von Zeichentrickproduktion herrührt. Bei genauerem Überlegen vielen mir dann aber mit Happy Tree Friends, Itchy und Scratchy und South Park genügend Zeichentrickserien ein, die sich definitiv für die 25 % verantwortlich zeigen müssen.
Außerdem wird die gezeigte Gewalt primär von Männer ausgeübt, bleibt ohne Konsequenz und lässt nur selten Rückschlüsse auf das Motiv zu.
Gewaltwahrnehmung von Kindern
Wie bereits eingangs geschildert, variierten die Eindrücke, durch das Zeigen der Filmausschnitte, in unserem Seminar schon recht stark. Bei Kindern ist das Wahrnehmungsverhalten noch extremer, wie ich in diesem Abschnitt der Sitzung lernen durfte. Da Kinder über eine sehr kurze Aufmerksamkeitsspanne verfügen, sehen vor allem jüngere Kinder die Gewalt als bloße Aktion, losgelöst aus dem Gesamtkontext. Dies ist sehr gefährlich, denn ein Erkennen von Ursachen und Folgen von Gewalt ist somit fast unmöglich und ein Angstreaktion ist fast schon vorprogrammiert.
Bei diesen Ängsten war es für mich interessant zu sehen, dass es entwicklungsbedingte Unterschiede gibt. Während Kinder im Alter von 3 bis 8 Jahre sich vor fremden und grotesken Figuren, wie Hexen und Monstern, fürchten, werden die Ängste mit dem Alter immer konkreter und realistischer. So haben die Kinder ab einem Alter von 9 Jahren Angst vor einem Einbruch oder Mord.
Modelle und Theorien zur Wirkung von Gewaltdarstellungen
Erregungsübertragung: Die Theorie dieses Modells sollte jeder kennen, denn sie thematisiert die emotional-physiologische Erregung durch Medieninhalte. Nach einem Kinobesuch hab ich noch einige Zeit im Anschluss das Gefühl „überdreht“ zu sein. Dabei ist es unabhängig zu welchem Genre der Film gehört, eine Erregung im positiven oder negativen Sinn ist immer gegeben.
Diese emotional-physiologische Erregung lässt einen dann Folgesituation anders beurteilen. Nach tollen und lustigen Filmen freu ich mich zum Beispiel über Kleinigkeiten mehr, als ich es sonst tun würde. Umgekehrt trifft das aber leider auch zu und das macht eine mediale Gewaltdarstellung interessant, da dann eine eher harmlose Situation dank der Erregungsübertragung schnell eskalieren kann, weil man erregungstechnisch nicht auf einem neutralen Level die Sache betrachtet.
Habitualisierungsthese: Dreht sich primär um eine einsetzende Abstumpfung beim regelmäßigen Gewaltkonsum. Emotionale Reaktionen bleiben bei gleichem oder ähnlichem Medienmaterial aus oder werden zunehmend weniger, die Lust nach intensiverer und drastischerer Darstellung wird stärker und somit steigert sich die Spirale der Gewalt. In deren Verlauf wird das Mitgefühl für das Opfer immer geringer und das Verständnis für das Handeln des Täters wächst.
Klingt jetzt sehr drastisch und bejahend für die Frage nach mörderischen Medien, ich sehe aber eine positivere Einstellungen zu Gewalt als mögliche Verhaltensstrategie nicht als logische Konsequenz.
Ich kenne das aus eigener Erfahrung, ich hab mich früher auch mit realistisch anmutenden Ego-Shootern beschäftigt und ich bestreite ja auch gar nicht, dass man durch die ständigen Gewaltdarstellungen etwas abstumpft. Dennoch hatte ich nie das Bedürfnis das Ganze noch irgendwie zu steigern oder das Spiel auf eine reale Stufe zu führen. Das Spiel war und ist immer noch ein Spiel für mich, wenn ich dort recht emotionslos Leute umnieten kann, heißt das noch lange nicht, dass ich dies auch in der Realität könnte.
Ein gutes Beispiel ist das Spiel Trauma Center, ein Operationsspiel, bei dem mit Skalpell, Pinzette und Tupfern unter Zeitdruck die ein oder andere Operation durchgeführt werden soll. Auch wenn mir das Spiel großen Spaß gemacht habe, wäre ich in der Realität nicht in der Lage mir eine Simple Spritze selbst zu verpassen. So viel zum Thema...
Fazit
Obwohl ich den Schluss der Habitualisierungsthese nicht teilen kann, muss ich trotzdem einräumen, dass gilt: Je mehr Gewalt in den Medien konsumiert wird, desto höher ist die Wahrscheinlichkeit gewalttätigen Verhaltens. Oberflächlich betrachtet, wäre die Titelfrage nun beantwortet und das Seminar hätte enden können.
Allerdings finde ich wichtig noch zu betonen, dass diese kurze und bündige Zusammenfassung nicht ein Verbot von irgendwelchen Medien rechtfertigt. Denn neben den Medien sind auch Schule, Familie, Persönlichkeit, Freizeitbetätigungen, Peergroups und die Gesellschaft maßgeblich Bedingungsfaktoren für Gewalt.
Ein braver medienabstinenter Mensch kann, durch sogenannten schlechten Umgang, dennoch vollkommen auf die schiefe Bahn geraten und eine Verbrecherkarriere starten, um nur mal eines der vielen medienlosen Szenarien anzuführen.
Zusammenfassend sind die Medien also nicht mörderisch, aber ein verantwortungsvoller Medien-Umgang trotzdem von großer Bedeutung. Die Einhaltung des Jugendschutzes ist wichtig und Kindern und Jugendlichen darf unter keinen Umständen der Zugang zu jugendgefährdendem Material gewährt werden.
Mehr zu dem Thema gibt es im
Shredder Blog
Artikel wurde von mumie99 am 25.11.2008 eingereicht.