Dem Tulpenwahn verfallen
Aufgrund meiner langjährigen Arbeit im Finanzsektor informiere ich mich regelmäßig über die neuesten Meldungen und wirtschaftlichen Trends. Auch Geschichtliches, insbesondere historische Ereignisse, die zur Gestaltung Europas beigetragen haben, nehme ich als Lektüre gern zur Hand. Die Gelegenheit, beide für mich interessanten Themengebiete zu kombinieren, bietet sich jedoch nur selten. Zu den besagten Ausnahmefällen zählt die „Große Tulpenmanie“, die im frühen 17. Jahrhundert in Holland stattfand.
Der holländische Tulpenwahn ist deshalb interessant, weil er das erste Beispiel einer Spekulationsblase darstellt und zeigt, dass seitdem alle folgenden „Blasen“ im Großen und Ganzen nach einem ähnlichen Muster verlaufen. Als Beispiele hierfür eignen sich die Dotcom-Blase des Jahres 2000, die US-Immobilienblase und die Credit-Default-Swaps-Krise in jüngster Zeit. Natürlich nehmen nicht alle Krisen ein sehr schlimmes Ende, aber das immer gleiche Verlaufsmuster weist stets auf ein dramatisches Ende hin.
Beim ersten Mal spielte sich das Spekulationsszenario wie folgt ab: Die ersten Tulpenzwiebeln wurden 1593 von einem Händler namens Conrad Guestner aus Konstantinopel nach Holland importiert. Dort hatte die fremdartige Blume schon nach kurzer Zeit Seltenheitswert und wurde zu einem äußerst gefragten Luxusgut – ein Statussymbol, dessen Besitz und Zurschaustellung sofort zu einem gehobenen sozialen Status führte.
Wie es der Zufall wollte, wurden schon bald einige Tulpenzwiebeln von einem ungefährlichen Pflanzenvirus befallen. Dieses Virus erzeugte wunderschöne, gestreifte Tulpenblätter mit einem geflammten Muster, was dazu führte, dass die Nachfrage nach Tulpenzwiebeln immer größer wurde. Da sich die „Tulpomanie“ zwischenzeitlich auch auf das Nachbarland Deutschland ausgeweitet hatte, wurde der sowieso schon überaus knappe Vorrat an Tulpenzwiebeln natürlich noch gefragter.
Es dauerte nicht lange, und auch die holländische Mittelklasse wurde 1634 vom Tulpenfieber angesteckt. Der Preis für Tulpenzwiebeln stieg so gravierend an, dass Spekulanten, die auf dem Markt mitmischten, gute Gewinnchancen sahen und die Preise noch weiter hochtrieben.
Im Jahr 1636 hatte die Tulpenmanie die gesamte holländische Nation gepackt. Haus und Hof wurden verkauft, das gesamte Hab und Gut aufs Spiel gesetzt, um eine einzige Tulpenzwiebel erwerben zu können. Nach heutigen Preisen kostete eine Zwiebel ca. 25.000 Euro, und selbst dieser Preis konnte die Käufer nicht abschrecken. Die Gier nach Profit war einfach größer als der gesunde Menschenverstand.
Aber irgendwann platzen natürlich alle Spekulationsblasen – nämlich dann, wenn es offensichtlich wird, dass sich kein „Dummkopf“ mehr findet, der bereit ist, die immer höheren Preise zu zahlen. Und so war es auch im Falle der „Großen Tulpenmanie“: Niemand hatte mehr Interesse am Kauf von Tulpenzwiebeln. Die Preise stürzten in den Keller, viele Spekulanten verloren ihr gesamtes Vermögen, Reiche wurden zu Almosenempfängern und man blieb auf seinen wertlosen Tulpenzwiebeln sitzen.
Im Folgenden eine Auflistung der Güter, die ein Händler während der „Blütezeit“ der Tulpenmanie gegen eine einzige Tulpenzwiebel eintauschte:
• 12 fette Schafe
• 4 fette Ochsen
• 63 Gallonen Wein
• 1000 Gallonen Bier
• 2 Tonnen Butter
• 1000 Pfund Käse
• 1 Bett
• 1 Anzug
• 1 silbernen Trinkbecher
• 4 Tonnen Weizen
• 8 Tonnen Roggen
Dieses Beispiel zeigt vielleicht am besten, welchem Wahnsinn der Mensch während einer Spekulationsblase verfallen kann.
Zur damaligen Zeit wurden die Ereignisse aufgeschrieben und an andere Länder weitergegeben, wo das Aufgezeichnete dann von den wenigen multilingualen Leuten übersetzt wurde, die dieser Aufgabe gewachsen waren. Heutzutage können
Übersetzungsdienstleistungen leichter in Anspruch genommen werden. Dank schneller Übersetzungen erhalten wir zu jeder Zeit genaue Informationen über den „spekulativen Wahnsinn“ von heute.
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Artikel wurde von Gabriela Szeifert am 26.03.2008 eingereicht.