Tatort Moldawien:Die Strassenhunde im Todeslager - Teil II
Mein zweiter Besuch in Chisinau brachte auf Regierungsebene kleine Fortschritte - und auch Verzweiflung. Alle Hunde, die ich aus dem Todeslager befreite, wurden zwar vermittelt, aber man gab mir falsche
Adressen. Ich weiß bis heute nicht, was aus meinen geretteten Tieren geworden ist. Natürlich war ich wieder im Todeslager, das "Friedhof der Tiere" heißt. Doch diesmal hatten sie nicht scheinheilig blitzblankes Linoleum auf den verdreckten Betonboden gelegt.
Die Hunde, Mamas mit ihren Babys, alte und kranke, wunderschöne und große Hunde, kauerten auf den Bakterien verseuchten Boden. Aber was erwartete ich? Dass die Menschen, die jahrelang getötet haben, innerhalb von ein paar Wochen damit aufhören? Nur, weil eine Frau aus München das will? Ja, ich wollte das. Und nun kämpfte ich noch mehr. Viele der Hunde waren herzzerreißend zutraulich, flehten mit ihren Augen und Pfoten um Hilfe. Sie hatten das Pech, auf der Straße geboren zu sein oder wurden von ihren gewissenlosen Besitzern weggeworfen.
Vielleicht hatte der eine oder andere eine streichelnde, futtergebende Hand, sorgte sich vielleicht um seinen eingefangenen Schützling.
Diesmal konnte ich sie nicht herausholen. Wohin auch? Dennoch, einen frisch gefangenen, blütenweißen Spitzmischling und einen Pekinesen durfte ich sofort mitnehmen. Er kam nach Deutschland. Und die anderen? Für die schaffte ich das schier Unmögliche. Mein Begleiter von der Stadtverwaltung ging kurz um die Ecke: Er wollte und durfte nicht sehen, was ich nun machte. Ich öffnete alle Boxen und scheuchte die verstörten und verunsicherten Tiere aus ihren Todeszellen. Hinaus in die Freiheit. "Lasst euch nicht mehr fangen", schrie ich ihnen nach. "Es gibt ein Gesetz, wonach jeder Bürger , der sich von einem Hund gestört fühlt, bei der Stadt anrufen kann. Wir sind verpflichtet, das Tier einzufangen und hierher zu bringen", sagte mir der Beamte und wollte mir damit kundtun, dass er gerade gegen ein Gesetz verstoßen hat. Ich hätte ihn knuddeln können. "Dann muss dieses Gesetz eben geändert werden", entgegnete ich ihm. Ich war erst am Anfang meiner Bemühungen um die Tiere in diesem Land, dessen Menschen auf der Straße erfrieren und Essbares in den Mülltonnen suchen. Eine Herkulesaufgabe. Monatelange Verhandlungen mit Regierungsvertretern folgten. Ich legte ihnen meine veröffentlichte
Reportage vor. Ich war entmutigt und wieder hoffnungsfroh. Dann der historische Durchbruch: Es war Montag, 19. Juli 2004 ein brütend heißer Tag. Mit Weh im Herzen und der festen Überzeugung, diesen Tierschutz mit so viel Leid nicht mehr länger ertragen zu können, fuhren wir wieder in das Todeslager. Doch diesmal fühlte ich, dass sich etwas verändert hat. Auf unser Hupen schlendert ein Wächter zum Tor.
Im Schlepptau eine Mama mit ihren Babys. Auch das war neu. Dann sehe ich es: Alle Zellentüren des Todestraktes waren offen. Kein Tier zu sehen. Strahlend kommt Vize-Stadtdirektor Victor Ion auf mich zu, deutet auf die leeren Boxen und sagt: „Das ist unser Präsent für sie. Wir haben aufgehört zu töten. Nun bauen sie uns ein Tierheim“. Noch ahnte ich nicht, was dieser folgenschwere Satz für mich bedeuten sollte. Tränen überströmt und stürmisch, überwältigt und aufgewühlt umarmte ich den verdutzten Mann. Ein jahrelanges Massaker an den Tieren war vorüber
Wird fortgesetzt ...
Artikel wurde von Christa Schechtl am 26.03.2008 eingereicht.