Fördern multikulturelle Gesellschaften die Entwicklung von Polyglottern?

 

Fördern multikulturelle Gesellschaften die Entwicklung von Polyglottern?

Heutzutage steht das Thema „Multikulturalismus“ mit seinen Folgen in so mancher Diskussion über nationale Demographie, den sich verändernden kulturellen Aufbau von Innenstädten oder die Auswirkungen von grenzüberschreitender Auswanderung, im Mittelpunkt. Häufig wird vorgebracht, dass eine direkte Auswirkung des „Multikulturalismus“ darin liege, dass er dazu neige, die Entwicklung von Polyglottern, also Menschen, die mehrere Sprachen sprechen, zu fördern. Worauf stützt sich diese Behauptung überhaupt?

Wenn zwei unterschiedliche, aber eigenständige Kulturgruppen parallel nebeneinander bestehen, könnte ihre gegenseitige Nähe theoretisch dazu führen, dass die Mitglieder der einzelnen Gruppen sich brauchbare Sprachkenntnisse der anderen Gruppe aneignen, um so die gegenseitigen Beziehungen zu unterstützen. Schauen wir am Beispiel einiger multikultureller Gesellschaften einmal, ob diese Polyglotter-Theorie stimmt.

Als erstes Beispiel nehmen wir die Staaten im Westen und Südwesten Amerikas.

Bereits seit 1761 stehen diese Gegenden unter lateinamerikanischem Einfluss und waren zu jener Zeit sogar größtenteils spanische Kolonien. Obwohl die Regionen in den 1820-Jahren an die Vereinigten Staaten übergingen, stehen sie auch heute noch unter starkem lateinamerikanischen Einfluss. Gegenwärtig gibt es Gegenden, die in erster Linie lateinamerikanisch geprägt sind, und dieser Trend ist auf dem Vormarsch.

Wie steht es in diesen Gegenden also um das Zusammenspiel der unterschiedlichen Sprachen? Nun ja, die Polyglotter-Theorie scheint sich hier zu bestätigen, denn sowohl die lateinamerikanische wie auch ihre benachbarten Kulturgruppen verfügen über hinreichende Kenntnisse der anderen Sprache.

Schauen wir uns nun ein weiteres Beispiel an: Indien. Indien ist eine Republik, die aus 28 Staaten und 7 Unionsterritorien besteht. Offiziell verfügt Indien über 18 anerkannte Sprachen, aber tatsächlich werden dort insgesamt 407 verschiedene Sprachen gesprochen. Jeder indische Staat hat im Allgemeinen eine eigene unverkennbare Kultur. Bürger eines Staates, die ursprünglich aus einem anderen Staat kommen, neigen dazu, sich im fremden Staat zu einer eigenen Kulturgruppe zu verbinden. Daher könnte man sagen, dass Indien die Polyglotter-Theorie tatsächlich auf den Prüfstein stellt .

Aber auch das Beispiel Indiens bestätigt die Theorie im Großen und Ganzen. Die meisten Einwohner eines Staates, insbesondere jene, die in Grenzgebieten leben, verfügen über brauchbare Kenntnisse der Sprache des angrenzenden Staates. In jenen Staaten, die an mehrere andere Staaten grenzen, verfügen die Menschen sogar oftmals nicht nur über hinreichende Kenntnisse in den Sprachen aller sie umgebenden Grenzstaaten, sondern sprechen zudem auch die beiden offiziellen indischen Sprachen - Hindi und Englisch.

Allerdings gibt es gleichermaßen auch Beispiele, die die Polyglotter-Theorie widerlegen.

Eines davon ist die beständige Gemeinschaft ausgewanderten Briten in Spanien. Wie die meisten anderen Kulturgruppen neigen auch sie dazu, eine eigene, eng verbundene Gemeinschaft zu bilden. Während viele von ihnen die spanische Sprache gelernt haben, kann man durchaus auch sagen, dass eine beträchtliche Anzahl jener Briten die Landessprache selbst nach Jahren noch nicht spricht. Gleichermaßen haben auch die spanischen Einwohner, die in unmittelbarer Nähe dieser britischen Gemeinschaften leben, die englische Sprache nicht sonderlich angenommen. Eine Ausnahme bilden hier nur die Spanier, die wegen ihrer Tätigkeit im Tourismusgeschäft auf die englische Sprache angewiesen sind.

Ein weiteres Beispiel, das die Polyglotter-Theorie widerlegt, sind die unterschiedlichen asiatischen Gemeinschaften in England. Obwohl es dort seit etlichen Generationen asiatische Gemeinschaften gibt, konnte sich die asiatische Sprache außerhalb dieser Gemeinschaften nicht ausbreiten.

Letzten Endes lässt sich eine mögliche Verbindung zwischen multikulturellen Gesellschaften und Menschen, die mehrere Sprachen beherrschen, also nicht wirklich nachweisen. Völlige Klarheit über dieses Thema werden wir wohl erst im Laufe der Zeit bekommen. Bis es soweit ist und wir ein tieferes sprachliches Verständnis erlangen, können Übersetzungsservices in London und vielen anderen Großstädten uns unterstützen und diesbezüglich Brücken schlagen.

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